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junge Welt , 30.10.1998 Ständige Verbesserungen der Insulinbehandlung seit 1923, aber Diabetiker in der Bundesrepublik nach wie vor unterversorgt. Von Helga Schönwald Am 31. Oktober vor 75 Jahren wurde in der Pharmazeutischen Zeitung offiziell mitgeteilt: »Das Pankreas-Insel-Extrakt Insulin Hoechst« ist als industriell hergestelltes Medikament in Deutschland eingeführt. Es war keine Weltpremiere, aber Importe des für jugendliche Typ-1- Diabetiker lebensrettenden Rinder- und Schweineinsulins waren 1923 und in den Folgejahren wegen der Inflation nicht zu bezahlen. Im kanadischen Toronto hatte eine Forschergruppe um Banting und Best schon früher Erfolg. Ihre Ergebnisse führten als erste zum klinischen Einsatz des normalerweise ausreichend in der menschlichen Bauchspeicheldrüse (Pankreas) produzierten Hormons. Wird es von den B-Zellen der Langerhansschen Inseln in der etwa zwanzig Zentimeter langen und nur 70 bis 80 Gramm schweren Drüse nicht genügend oder gar nicht mehr gebildet, so ist auch der Glukose- (Traubenzucker)-Stoffwechsel gestört. Bereits vor mehr als 200 Jahren beschrieb ein Schweizer Arzt den Zusammenhang von Diabetes und Pankreas. Die Krankheit wurde früher Harnruhr oder Zuckerharnruhr genannt. Ebenso anschaulich ist der Fachbegriff Diabetes mellitus. Der griechische Wortteil diabet- bedeutet »hindurchgehen«, der lateinische Begriff mellitus heißt »mit Zucker versüßt«. Fehlt es an Insulin, können Körperzellen den Energielieferanten Glukose nur in geringerer Menge aufnehmen, eine sogenannte Minderverwertung. Der Mensch verhungert am vollen Tisch. Gleichzeitig aber wird an der Steigerung der Glukosebildung im Stoffwechsel auf Hochtouren gearbeitet. 20 Prozent der geschätzten rund fünf Millionen Diabetiker allein hierzulande können nur mit Hilfe des Insulins die gefürchtetsten Langzeitkomplikationen vermeiden: die Schädigung der Augennetzhaut, der Nierenkapillaren, die Gewebezerstörung durch Geschwüre, vor allem an den Füßen - Folgen von Durchblutungsstörungen in den kleinsten Gefäßen. Als häufigste Komplikation muß Arteriosklerose - in der Umgangssprache Arterienverkalkung, also -verhärtung und - einengung - festgestellt werden. Diese Folgeschäden, die nur durch eine den natürlichen Werten möglichst nahekommende »Einstellung« des Stoffwechsels zu vermeiden sind, machen einen Teil des Problems Diabetes deutlich. Die Bewertungen »Volkskrankheit auf dem Vormarsch«, »entscheidende gesundheitspolitische Herausforderung des nächsten Jahrhunderts«, »Zeitbombe«, die Mediziner, Krankenversicherungen oder PR-Strategen für die häufigste Stoffwechselstörung treffen, verweisen auf den anderen Teil des Problems: die steigende Zahl der Diabetiker und auch der insulinpflichtigen Diabetiker. Experten rechnen jährlich mit mindestens 60 Milliarden Mark Kosten durch die Zuckerkrankheit, vor allem durch ihre Komplikationen. Dabei sind nur etwa fünf Prozent der Patienten am veranlagten Typ- 1-Diabetes erkrankt, der sich schon in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter manifestiert. Diese Kranken brauchen meist sofort Insulin. Die große Mehrheit der Diabetiker dagegen leidet an Typ 2, bei dem Fachleute der erblichen Disposition nur die kleinere Rolle zugestehen, jahrelange Fehlernährung und physische Inaktivität aber als Hauptursache dieser sogenannten Zivilisationskrankheit sehen. Außerdem stiegen die Erkrankungszahlen durch die wachsende Lebenserwartung. Auch bei Typ-2-Diabetes kann schließlich eine Insulintherapie notwendig werden. Für diese Behandlung standen im Verlauf der vergangenen 75 Jahre immer verträglichere und den Bedürfnissen angepaßtere Insuline zur Verfügung. Hochgereinigtes Schweineinsulin, das dank seiner ähnlichen Struktur durch den Austausch einer endständigen Aminosäure zu Humaninsulin »umgebaut« werden konnte, kam von Hoechst vor 15 Jahren auf den Markt. Es brachte deutlich weniger Allergien. Insuline mit unterschiedlicher Wirkdauer folgten. Mit der Begründung, vor einer erheblichen Zunahme auch der insulinpflichtigen Diabeteserkrankungen zu stehen und nicht mehr genug tierisches Insulin als Ausgangsstoff zu bekommen, stieg man in die preiswerte und nahezu unbegrenzte Genproduktion des Hormons ein. Insulin ist eines der ersten gentechnischen Produkte. Per Manipulation an Coli-Bakterien, in deren Plasmiden man die genetische Information für Humaninsulin verankert, wird das Medikament hergestellt. Im Frühjahr 1998 wurde nach langen Protesten gegen potentielle Gefahren einer solchen Gentechnikproduktion die Großanlage dazu in Frankfurt/Main in Betrieb genommen. Schon Ende '96 beschloß man in der Pharma-Sparte des Konzerns, mit der Zulassung des gentechnisch hergestellten Humaninsulins für Deutschland dieses Medikament auch weltweit zu vermarkten. Kurz vor der Einführung steht das erste Analogon zum Humaninsulin mit 24stündiger Langzeitwirkung, informierte Dr. rer. nat. Lutz Hellwig von der Geschäftseinheit Diabetes der Hoechst Marion Roussel Deutschland GmbH anläßlich des Insulin-Jubiläums vor Journalisten in Berlin. Verkauft werden soll das Analogon ab dem Jahr 2000. Der Konkurrent Novo mußte ein solches Analogon zurückziehen, weil es Hinweise auf erhöhte Brustkrebsgefahren gegeben habe. Aber, so Prof. Dr. Helmut Mehnert, Präsident der Deutschen Diabetes Union, bei den Analogon-Präparaten von Hoechst und Lilly gebe es »keinen Anlaß anzunehmen, daß sie vermehrte Kanzerogenesen auslösten«. Soweit der Ausblick in die Zukunft. Noch aber sind in der Bundesrepublik Diabetiker unterversorgt. Nicht wegen fehlender Medikamente. Das gravierendste Problem der Diabetiker: Ihre Krankheit wird zu spät erkannt, sie werden nicht ausreichend geschult für den Umgang mit ihr, sie werden zu wenig und zu unregelmäßig auf wichtige Stoffwechselwerte und mögliche Komplikationen untersucht. Etwa 28000 Amputationen, 9000 Erblindungen und 1500 bis 2000 neue Dialysefälle pro Jahr müssen, so Gerd Glaeske, Leiter der Abteilung für medizinisch-wissenschaftliche Grundsatzfragen bei der Barmer Ersatzkasse in einem Aufsatz, bei nicht ausreichend behandelten und betreuten Diabetespatienten registriert werden. Auch heute noch werde von ärztlichen Standesfunktionären die Notwendigkeit diabetologischer Schwerpunktpraxen bestritten, erklärte Prof. Dr. Hans Peter Meißner, niedergelassener Diabetologe, auf der Presseveranstaltung in Berlin. Der Ärztetag war nicht bereit, eine entsprechende Qualifikation der Ärzte anzuerkennen bzw. zu fordern. Man habe leider versäumt, dies aus der DDR zu übernehmen. Die Vereinigung habe dennoch das Problem bewußter gemacht. Und nach entsprechenden Verträgen in Brandenburg gebe es auch mit der Berliner AOK eine sogenannte Kodex-Vereinbarung zur Diabetesbehandlung. Es folgten Verträge mit Industrie- und Betriebskrankenkassen und 1997 mit den Ersatzkassen, so daß sich die finanzielle Situation diabetologischer Praxen mit ihrem sehr teuren Personal zur Patientenberatung gebessert habe. Dennoch sei die große Zahl der Diabetiker »nur in gedeihlicher Zusammenarbeit mit den Hausärzten zu behandeln«.
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