Frankfurter Rundschau, 12.10.1998 

Diabetes-Behandlung miserabel 

Schlechte Betreuung verursacht jährlich Milliardenkosten

Von Heidi Czapek  
KASSEL, 11. Oktober. In der Diabetikerversorgung werden pro Jahr rund 2,5 Milliarden Mark verschwendet, denn die Kranken werden nicht gut genug behandelt und erleiden deswegen Folgeschäden, deren Behandlung diese Summe verschlingt. Bei einer frühzeitigeren, hochwertigeren und vernetzteren Versorgung der Patienten ließen sich diese Kosten deutlich senken: "Die Diabetikerversorgung ist kein Kostenproblem, sondern ein Qualitätsproblem." 

Diese Diagnose von Professor J.-Matthias Graf von der Schulenburg, Direktor des Instituts für Versicherungsbetriebslehre der Universität Hannover, kann als Resümee des Deutschen Diabetikertages gelten, der am Wochenende in Kassel stattfand. Eingeladen zu der Veranstaltung unter dem Motto "Qualität der Diabetiker-Versorgung auf dem Prüfstand - Milliarden verschwendet?" hatte der Deutsche Diabetiker Bund (DDB), dem rund 28 000 Mitglieder angehören. 

In Deutschland leiden mindestens vier Millionen Menschen an Diabetes mellitus; Tendenz steigend. Diese Stoffwechselerkrankung ist nicht heilbar. Durch Blutzuckerkontrollen, die - so eine Forderung der Tagung - in den Katalog der Vorsorgeuntersuchungen aufgenommen werden sollten, ferner durch gute Medikation, Ernährung, Schulung und Sport läßt es sich jedoch mit dem "Zucker" relativ problemlos alt werden. Tatsächlich aber nehmen die Schäden bis hin zu Beinamputationen, Nierenversagen und Erblindungen zu, vor allem als Folge von zu spät erkannten Nervenschäden und Gefäßerkrankungen. Ein Bündel von Ursachen orteten die Tagungsteilnehmer als verantwortlich: mangelndes Problembewußtsein und Wissen der Hausärzte, die zum Beispiel keine Fußpfleger beschäftigten, keine Blutzuckertests vornähmen oder ihre Diabetespatienten, um selbst kassieren zu können, nicht an Spezialisten überwiesen. 

Die Hauptursache aber sei eine verfehlte Gesundheitspolitik. "Man wartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, bevor man etwas bezahlt", so der Internist und Diabetologe Matthias Frank. Die "Prävention" (Vorbeugung) wurde aus den Kassensatzungen gestrichen - "kurzsichtig und schwachsinnig", schimpfte Professor Hellmut Mehnert von der Deutschen Diabetiker Union. Damit hätten sich die Verantwortlichen finanziell selbst ein Bein gestellt, denn die Behandlung der Folgeschäden - allein für Beinamputationen wird inklusive Reha jährlich etwa eine halbe Milliarde Mark aufgewendet - koste letztlich mehr als jede gute Prävention. Ein richtig geschulter, informierter und betreuter Diabetiker verursache jährliche Kosten von 1500 bis 2000 Mark (ohne Krankenhaus), ein nichtgeschulter dagegen 15- bis 17 000 Mark, rechnete Ulla Gastes vom DDB-Bundesverband vor. 

Hier sei die Politik gefordert, lautete die Diagnose der Fachleute. Horst Schmidbauer, (noch) gesundheitspolitischer Sprecher der Bonner SPD, versprach, die neue Bundesregierung werde für Besserung sorgen. So werde ein  Nationaler Aktionsplan Diabetes aus der Taufe gehoben mit dem Ziel flächendeckender Versorgung. Auch solle die Zuzahlungspflicht für "lebenswichtige Medikamente" aufgehoben und die Prävention wieder im Katalog der Kassen verankert werden.  

Copyright © 1998  Frankfurter Rundschau, Heidi Czapek  

 


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