Schweriner Volkszeitung, 28.7.1998 

Gebündelte Kompetenz im Dienste des Patienten

Rostocker Diabetiker-Zentrum beschreitet neue Wege

Rostock (dpa) Insulinspritze und Süßstoff in der Tasche, Ernährungsfahrplan im Kopf: Fünf Millionen Deutsche leben mit dem Diabetes mellitus - im Volksmund auch Zuckerkrankheit genannt. In Rostock werden neue Wege zur Betreuung von Diabetes-Patienten beschritten. 

 Möglicherweise gibt es noch viel mehr Menschen, die an der Zivilisationskrankheit leiden. Doch wurde ihr Zustand bisher noch nicht diagnostiziert, weil so manchem Hausarzt Zeit für entsprechende Untersuchungen, Spezialwissen oder beides fehlt. In Rostock wurden im vergangenen Jahr neue Wege zur Betreuung von Diabetes-Patienten beschritten: Hier wurde eine eigenes Zentrum gegründet, das nach Ansicht von Medizinern, Pharmazeuten, Selbsthilfegruppen und Betroffenen Modellcharakter hat. 

Entstanden war es zunächst aus der Not heraus. Einige Jahre nach der Wende wurde festgestellt, daß sich die Zahl der stationären Einweisungen von Diabetikern verdoppelt hatte. Zudem stiegen die Komplikationen massiv an. Auf die rund 90 000 Diabetiker in Mecklenburg-Vorpommern kamen bis dahin nur 15 diabetologische Schwerpunktpraxen. 

So setzten sich vor drei Jahren Krankenkassen, die Standesorganisationen Mecklenburg-Vorpommerns, Vertreter der Rostocker Universität sowie Ärzte, Patienten und Selbsthilfegruppen in Rostock zusammen. Sie entwickelten am runden Tisch ein Modell der Partnerschaft. Im Februar vergangenen Jahres schließlich wurde das Rostocker Diabetiker-Zentrum eröffnet. "Bei uns geht es vor allem um Aufklärung und Schulung, aber auch Betreuung", sagt Dr. Jürgen Stahnke, der hier das Pharmaunternehmen Lilly Deutschland GmbH vertritt, das ebenso wie Bayer Vital und andere in der sogenannten "Sternberg-Gruppe" zusammengeschlossene Institutionen die Einrichtung unterstützt. 

Das Ziel des Zentrums ist klar: Bisher zersplitterte Aktionen der Region werden zusammengeführt und das Betreuungsangebot in Rostock ergänzt. Es gehe keinesfalls darum, den Hausarzt aus seiner Funktion zu drängen, erklärt Stahnke. Doch durch Beseitigung der gegenseitigen Informationsdefizite sowie eine engere Kooperation und Vernetzung könnten die Diabetikerbetreuung verbessert und Kosten eingespart werden. Das Besondere sei, daß nicht nur die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung, sondern alle an der Versorgung Beteiligten Partner seien. 

Im Rostocker Diabetiker-Zentrum, das auch Schwesterneinrichtungen in Karlsburg und Schwerin hat, sollen Patienten vor allem durch Schulungen einschließlich in der Lehrküche zu eigenständigen, selbstverantwortlichen Diabetikern "erzogen" werden. Außerdem garantiert das Zentrum die soziale Betreuung, Forschungs- und Fortbildungsmaßnahmen. Die "Sternberg-Gruppe" wiederum schafft eigenen Angaben zufolge effektive finanzierbare Versorgungsstrukturen. Das Rostocker Modell wird gut besucht, funktioniert bestens und sollte nach Meinung von Stahnke Schule machen - nicht nur im eigenen Land, sondern über die Grenzen hinaus. 

© Schweriner Volkszeitung online, 1998

 


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